Empathie und intentionale Ethik

Es gibt eine Vielzahl an Möglichkeiten Ethik zu betreiben und zu analysieren. Ohne mich besonders um andere Methoden zu kümmern, möchte ich mich auf eine Analyse bestehend aus Verhalten, Gedanken, Emotionen und Intention konzentrieren, die ich in Ermangelung eines besseren Namens Vier-Komponenten Sichtweise nenne. Die Vorgehensweise ist vage an eine Methode der kognitiven Verhaltenstherapie angelehnt, die auf jede erdenkliche menschliche Erfahrung angewendet wird – nicht allein auf ethische Thematik.

Warum wir ethisch handeln

Simon Baren-Cohen sieht Empathie – die Fähigkeit, die Gefühle eines anderen bei sich selbst zu spüren – als Triebfeder ethischen Verhaltens. Im Gegensatz dazu argumentiert Paul Bloom in seinem Buch Against Empathy: The Case for Rational Compassion, dass eine verstandesbetonte Sorge um andere der bessere Motivator sei. Gläubige Menschen verschiedenster Religionen sehen ihre religiöse Verankerung für ethisches Verhalten als maßgebend. Die Liste an Gedanken und Gefühlen, die als Motivation in Frage kommen, lässt sich beliebig fortführen, etwa auch durch negativer besetzte Emotionen wie Scham, Schuld und Angst.

Eine wissenschaftlich Vorgehensweise um die Frage nach dem wirklichen Motivator ethischen Verhaltens zu beleuchten, könnte wie folgt ablaufen: Zunächst werden Personen identifiziert, die eine solche vermeintlich zu ethischem Verhalten führende Einstellung zu einem hohen, die anderen Einstellung in einem gewöhnlichen Ausmaß besitzen. Die Werte aus dieser Untersuchung werden anschließend mit ethischem Verhalten korreliert.1 Die Einstellung, die die höchste Korrelation mit ethischem Verhalten aufweist, darf sich von nun an die stärkste Triebfeder ethischen Verhaltens nennen.

Studien in diese Richtung gibt es. Ich behaupte allerdings, dass diese Fragestellung zweitrangig ist. Denn die Befürworter der jeweils ihrigen Einstellung liegen miteinander im Disput, ohne zu bemerken, dass sie es auf unterschiedliche Dinge abgesehen haben – eben gerade, weil sie die vierte Komponente der Intention vollständig vernachlässigen: Jede einzelne dieser Einstellungen kann ethisches Verhalten, womöglich sogar die gesamte, persönliche, ethische Sichtweise, maßgeblich motivieren. Die vermutlich meist unbewusste Intention allerdings ist es, die erheblich variiert. An dieser Stelle sind Beispiele angezeigt.

Jemand der durch Empathie gegenüber einem anderen Lebewesen geleitet ist – der also die Gefühle dieses Lebewesens, wenn auch in abgeschwächter Form, bei sich selbst wahrnimmt – agiert ethisch mit der Intention, die Situation dieses anderen Lebewesens zu verbessern. Eine gläubige Christin, die sich trotz aller Beschwernisse um ihre dementen Eltern kümmert, mag die Intention haben, im Einklang mit dem katholischen Katechismus ethisch zu handeln. Ein Effektiver Altruist – dem die Einstellung Blooms wohl am nächsten liegt – wird die vorigen Handlungen zwar als gut anerkennen, aber darauf hinweisen, dass es, wiederum im Einklang mit seiner speziellen Intention, der Effektivität, nun mal effektivere Möglichkeiten gibt, Gutes zu tun.

Schließlich geht es also nicht darum, die Einstellung zu finden, die am ehesten zu ethischem Verhalten führt, sondern darum, zu fragen, welche Intention damit jeweils assoziiert ist; in anderen Worten um welches ethische Verhalten es sich handelt. Was mir dabei von entscheidender Bedeutung zu sein scheint, ist ein möglichst hohes Maß an Selbsterkenntnis hinsichtlich eben dieser Intention.

Welche ethische Intention haben Effektive Altruisten?

Der Effektive Altruismus (EA), dessen explizites Ziel es ist, möglichst effektiv Gutes zu tun, bzw. Leid zu vermeiden, ist – und hier stimme ich mit Bloom überein – wenig von Gefühlen, insbesondere nicht von Empathie geleitet. Bloom beschreibt eindrücklich, warum Empathie der Einstellung Effektiver AltruistInnen mehr schadet als nützt: Empathie ist anfällig für gewisse, systematische Voreingenommenheit (biases). So ist es etwa nicht möglich, die Gefühle hunderter Menschen gleichzeitig bei sich zu fühlen. Empathie konzentriert sich meist auf ein einziges Lebewesen und kann nicht adäquat skalieren. Das heißt sie ist blind gegenüber Statistik, aus der Effektive AltruistInnen aber gerade ihre Vorgehensweise ableiten. Weiterhin ist es wesentlich einfacher, mit Menschen empathisch zu sein, die uns nahe und ähnlich sind, was wiederum ungeeignet für das EA Modell ist. Wer sich für eine detaillierte Diskussion über weitere biases interessiert, denen Empathie unterliegt, dem sei das erwähnte Buch von Paul Bloom, insbesondere die ersten drei Kapitel empfohlen.

Bevor ich damit schließe, was denn nun die Einstellung sei, der die EA Intention zugrunde liegt, sei noch einmal explizit erwähnt, dass ich Empathie nicht per se schädlich für moralisches Verhalten halte. Meine Behauptung war lediglich, dass Empathie der Auffassung von Ethik, wie sie im Effektiven Altruismus verstanden wird, nicht zuträglich ist.

Die Intention Effektiver AltruistInnen also ist es, die gegebenen Ressourcen, wie etwa Zeit und Geld, möglichst optimal für Gutes einzusetzen. Dazu wird ein wissenschaftlich-rationales Vorgehen gewählt, bei dem man sich auf Statistiken und Evaluierungen, kurz Daten, verlässt. Was Effektive AltruistInnen antreibt, ist kein spezielles Gefühl, sondern die Einsicht, dass andere Lebewesen genauso oder zumindest in sehr ähnlicher Weise glücks- und leidensfähig sind wie wir selbst. Diese Erkenntnis macht es möglich fühlende Lebewesen – ohne sich mit ihnen identifizieren oder ihnen gegenüber empathisch sein zu müssen – für gleich wertvoll zu halten, und dementsprechende, effektive Handlungen setzen zu können.

  1. Beide Messungen lassen sich etwa durch Verhaltensobservierung, per Fragebogen oder Fremdbeurteilung erheben.
7. Juni 2017, | in Allgemein